Gemeinschaftliches Schreiben Vol. 1

      Gemeinschaftliches Schreiben Vol. 1

      Ich möchte ein Experiment wagen: Eine Kurzgeschichte, die von allen weitergeschrieben werden kann. Am Ende soll also eine in sich geschlossene Geschichte stehen, wie lang sie wird, entscheiden die Mitglieder und Mitschreiber nach Gefühl.

      Folgende Vorgaben sind gemacht:
      Auktorialer Erzähler
      Dritte Person, Vergangenheit
      Genre: Irgendwo zwischen Thriller, Mystery, Horror und ein klein wenig Urban Fantasy
      Die Figuren dürfen das vorgegebene Universum nicht verlassen.
      Es darf nicht mehr als 8 Figuren geben.
      Es dürfen keine unrealistischen Stil- und Story-Brüche auftreten.
      Die Figuren müssen glaubwürdig bleiben, wenngleich wir keine Charakterblätter anlegen und alles offen ist.
      Wenn eine neue Figur eingeführt wird, sollte sie zumindest soweit beschrieben werden, dass der potentielle Weiterschreiber diese gut nutzen kann. Alternativ ist die eingeführte Figur so unbeschrieben, dass sie im weiteren Verlauf von einem anderen Schreiber / einer anderen Schreiberin weiterentwickelt werden kann.
      Wer den letzten Beitrag als erstes liked, MUSS die Geschichte innerhalb von zwei (2) Wochen weiterschreiben oder findet selbstständig einen Ersatz.
      Es darf die Geschichte nur der fortsetzen, der sie bis zu diesem Punkt komplett gelesen hat.
      Es werden maximal drei (3) Absätze pro Post weitergeschrieben.
      Bei auftretenden Fragen bitte eine PN an mich :)

      Folgende Figuren sind schon enthalten:
      Thomas Schlesiger -> Protagonist / beschrieben
      Grauer Kater -> Noch namenlos / beschrieben
      Frau Schlesiger -> Noch namenlos /unbeschrieben
      Piper -> Vorgesetzter bei ConCern
      Katharina Faust -> beschrieben

      Dieser Post wird aller Wahrscheinlichkeit nach aktualisiert, sollten Probleme erstmalig auftreten :)

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      Auf leisen Pfoten durchquerte der grau gestreifte Kater das ausladende Wohnzimmer des Chalets. Im Kamin knisterte ein heimeliges Feuer, dessen flackernde Flammen die Schatten wild tanzen ließen. Geschickt setzte der Vierbeiner ein kurzes Beinchen vor das andere, sprang beherzt über einen Stapel Bücher, auf deren Rücken Wörter wie „Depressionen“ oder „Verlust“ prangten, die er freilich nicht lesen konnte. Anschließend streckte er sich genüsslich auf dem Sofa aus.
      Schon vor einer Weile war die Sonne hinter den Bergen verschwunden und die Kälte des Herbstes rüttelte an Fenstern und Türen, an Holz und Gemüt. Thomas Schlesiger ging, obwohl erst Mitte Vierzig, möglichst langsam die Treppe hinunter. Die alten Bretter ächzten gerne unter seinem Gewicht und seit dem Unfall hasste er laute Geräusche. Oder Geräusche im Allgemeinen. Je stiller es war, desto wohler fühlte er sich. Außerdem mochte er das obere Stockwerk nicht im Geringsten. Die meisten Zimmer hatte seine Frau eingerichtet und er brachte es nicht über das Herz, ihre alten und nun unnütz gewordenen Habseligkeiten auszusortieren. Also mied er die Treppe und all die Erinnerungen, zu denen sie führte, tunlichst. Ihm war beinahe so, als würde ihr Geist noch dort oben weilen. Wenn er darauf achtete, war ihr Duft stets in der Luft, auch wenn er die Fenster öffnete.
      Thomas war von schlanker, großer Statur und dennoch kräftig. Das Alter rüttelte an Haut und Haaren, doch er würde sich selbst noch scherzhaft als „jungen Hüpfer“ bezeichnen. Seine wachen Augen unter gepflegten Brauen erfassten jede Situation in Windeseile und seine kantige Nase verlieh seinem Gesicht einen nordischen Einschlag.
      Als er auf die Polster des ledernen Sofas sank und es seinem Kater gleichtat, ließ er seine Gedanken kreisen. Er könnte morgen in die Stadt. Ein paar Fahrten würde der alte Jeep wohl noch schaffen, bevor er auseinanderfiel. Er musste unbedingt in eine Werkstatt. Und was sollte er dort in der Stadt, wo er alles schon kannte, doch plötzlich so fremd war? Hatte er noch genügend Nahrungsmittel? Er würde schon hinkommen. Das Telefon klingelte. Und er beließ es dabei.

      Gerade, als das Ringen im Raum verklungen war, klingelte es erneut. Es war ein penetrantes Klingeln, doch niemand wusste, dass er hier oben war. Wer zum Teufel rief ihn um diese Uhrzeit noch an? Thomas wischte sich die grauen Haare von der Stirn, straffte Pullover und Körperhaltung gleichermaßen und ging dann zum Telefon hinüber.
      „Hallo?“, fragte er widerwillig in den Hörer hinein und erschrak, als er das erste Mal seit Tagen wieder seine eigene Stimme hörte.
      Rauschen.
      „Wer ist da?“
      Weiter nur Rauschen.
      Aufgelegt.
      Auf halbem Weg zurück zum Sofa klingelte es abermals und dunkle Zornesfalten säumten seine Augenwinkel. Er stürzte zurück, riss das Telefon an sich und brüllte in den Hörer: „Was wollen Sie?“
      Wieder nur monotones Rauschen. Doch dann, wie aus weiter Ferne, erklang eine Melodie, süß und fein, wie von einer Spieluhr, die unter Wasser ihren Klang verströmte. Und die Gefühle wurden schwer in ihm, denn er erkannte die Melodie, doch woher sie stammte, wusste er nicht mehr. Schweißperlen rannen von seiner Stirn, als er auflegte. Dann bückte er sich und riss das Telefonkabel aus der Dose, das er mit weit aufgerissenen Augen begutachtete. Jetzt sollte es still sein, dachte er und ging zurück zum Sofa, wo er sich neben den Kater fallen ließ. Dieser machte es sich wenig später auf Thomas' Schoß gemütlich, wo er unter den sanft durch das Fell fahrender Finger einschlief. Und auch Thomas schlief beinahe ein.
      Beinahe, denn bald schon tönte das Ringen des Telefons schrill und aggressiv durch die Räume des nächtlichen Chalets.

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      Thomas sagte kein Wort beim Abheben. Er hielt den Hörer ans Ohr und wartete, während die Kälte durch den Hörer zu ihm in den Leib kroch.
      "Schlesiger?", kam es plötzlich vom anderen Ende und Thomas atmete erleichtert auf.
      "Am Apparat."
      "Hier ist Piper."
      "Ich weiß", er räusperte sich. "Ich hab es an der Stimme erkannt. Hören Sie, Piper, ich weiß nicht, ob es eine gute Zeit ist ..."
      "Es ist nie eine gute Zeit, Schlesiger. Letzte Woche nicht. Diese Woche. Sie werden auch nächste Woche -"
      "Nein, wirklich!", sagte Thomas bestimmt. Der Kater schnurrte ihm um die Beine herum. "Piper. Es sieht hier nicht gut aus. Steht nicht gut mit mir, meine ich. Und da habe ich keine Geduld, keine Kraft ..."
      Piper unterbrach ihn barsch: "Sie ist tot. Und Gott weiß, dass ich der letzte Mensch auf der Welt bin, der das nicht nachvollziehen kann. Als meine Tochter starb - und sie war erst neun - das ganze Leben steht Kopf. Aber nur für einen selbst. Und wir von ConCern, vertrauen Sie uns, wir sind darauf geschult, Ihnen in solchen Momenten beizustehen."
      Der Kater gab ein gedehntes Geräusch von sich. Thomas fühlte sich in Versuchung, einfach aufzulegen, sich einfach wieder hinzusetzen, das Tier auf seinen Schoß zu nehmen und es streichelnd einfach wieder im Schlaf zu versinken.
      Laut sagte er, und es überraschte ihn selbst, wie offen er zu diesem Piper auf einmal war: "Nur wenn man schläft, kann man das alles ertragen."
      "Nehmen Sie jetzt bitte das Prospekt in die Hand.", forderte Piper ihn auf.
      "Ich habe es nicht mehr.", log Thomas. In Wahrheit wusste er genau, wo es lag. Drüben auf dem Vertigo, zusammen mit den aberwitzig vielen Kondolenzbriefen.
      "Sie haben es noch. Und sie werden es in die Hand nehmen, Schlesiger. Sie werden es aufschlagen, nicht mir zu liebe. Ihnen selbst zu liebe. Und sie werden sich alles noch einmal in Ruhe durchlesen. Und ich weiß, was Sie denken werden. Dass es nicht einmal den Versuch Wert ist, nicht wahr? Ich verrate Ihnen jetzt was. Eine Stunde. In einer Stunde wird jemand bei Ihnen sein. ConCern hat eine Mitarbeiterin ganz in Ihrer Nähe, Schlesiger.", die Stimme von Piper hatte etwas Einlullendes angenommen. Er klang wie diese bräsigen Männerstimmen aus mitternächtlichen Kinowerbungen. Wie einer, der es gewohnt war, mit seiner Stimme durch das Telefon hindurch, zerborstene Seelen zu beruhigen.
      "Sparen Sie sich ...", begann Thomas. Aber Piper war schneller: "Sie wird da sein. In einer Stunde. Und Sie wird Ihnen helfen, dass die Welt sich wieder richtet. Es wird alles gut. Versprochen."
      Thomas legte auf.
      Der Kater wartete bereits auf dem Sofa auf ihn.
      Gerade wollte er sich wieder auf das Sofa setzen und noch ein wenig mit seinem Kater kuscheln bevor er wieder zu Bett gehen würde.
      Doch da fiel ihm etwas auf. Wieso hat das Telefon geklingelt? Er hatte doch den Stecker herausgezogen. Er ging noch einmal zurück zu dem kleinen Telefontischchen und wollte die Lampe, die darauf stand, einschalten um sich die Sache genauer anzusehen.
      Die Lampe blieb dunkel.
      Thomas verstand, statt den Stecker des Telefons herauszuziehen, hat er den Stecker der Lampe herausgezogen.
      Grinsend ging er zurück zum Sofa und kuschelte noch ein wenig mit seinem Kater.
      Einen Moment hatte er doch tatsächlich geglaubt, es würde spuken.
      Er hatte ja recht, dieser Piper, aber wieso ruft der Idiot mitten in der Nacht an?
      Was hatte Piper gesagt? In einer Stunde würde eine Mitarbeiterin kommen?
      Nein, entschied Thomas, ich bin müde, es ist mitten in der Nacht und ich möchte schlafen.
      Er schrieb einen Zettel: „Entschuldigen Sie bitte, ich möchte noch schlafen. Kommen Sie gern gegen 9:00 Uhr vorbei.“
      Dann schaltete er die Türklingel ab und zog diesmal wirklich den Stecker vom Telefon aus der Dose.
      Thomas schüttelte den Kopf, gähnte herzhaft, strich seinem Kater noch einmal über den Kopf und ging dann wieder zu Bett.
      Es war weit nach Mitternacht, als Thomas aus dem Schlaf schreckte. Er blickte sich um und erkannte nur die weiten Augen seines Katers, in denen mattes Licht reflektiere. Er starrte in die Dunkelheit. Und Thomas hatte das brennende Gefühl, dass die Dunkelheit zurück starrte. Er folgte dem Blick des Tieres bis zum Fenster. Doch da war nichts, oder?
      Oder doch?
      Seine Knie knackten, als Thomas sich vom Bett erhob und zum Fenster hinüberging. Je näher er den Scheiben kam, desto fester glaubte er daran, jemand schleiche um sein Haus. Er schob den Vorhang leicht beiseite und blickte nach links und rechts. Niemand da. Als nächstes schaute er aus dem Küchenfenster, doch auch dort war nichts zu erblicken. Als letztes kontrollierte er, ob er nicht vergessen hatte, die Haustür abzuschließen. Langsam drückte er die Klinke hinunter und der Widerstand des Schlosses verhinderte das Aufgleiten der Tür. Langsam entspannte sich Thomas wieder und kehrte zum Bett zurück. So bemerkte er nicht mehr, wie sein Kater die Stufen zum Obergeschoss erklomm und für diese Nacht lieber dort verweilte.

      Am nächsten Morgen klopfe es an der Tür. Thomas fragte sich sofort, warum jemand an die Tür hämmerte, anstatt wie jeder andere einfach zu klingeln. Er öffnete die Tür und vor ihm stand eine Frau, mindestens zehn Jahre jünger als er selbst, mit Haaren braun wie Kandis und Augen wie Kastanien. Sie war mindestens einen Kopf kleiner als er, trug ein dicke Jacke und ein warmes Lächeln. Außerdem streckte sie Thomas ihre unberingte rechte Hand entgegen, in der Linken hielt sie eine weiße Tüte. Entgeistert begrüßte er die junge Frau.
      „Ihre Klingel funktioniert nicht. Thomas Schlesiger, richtig?“, fragte sie.
      Thomas nickte stumm.
      „Freut mich. Katharina Faust“, sagte sie und ihr Lächeln wurde noch etwas breiter. „Die Firma schickt mich.“
      Nun verstand Thomas und er seufzte erleichtert „Sie sind die Frau, die Piper erwähnte.“
      „Ganz richtig. Ich wohne unten im Tal.“
      Thomas trat beiseite und lies seine neue Bekanntschaft ein.
      „Kaffee?“
      „Sehr gern“, erwiderte die Frau und hielt die Tüte in die Höhe. „Denn ich habe frische Brötchen.“
      So setzten sich die beiden in die Küche, nachdem Katharina ihre Jacke und ihr festes Schuhwerk abgelegt hatte. Es roch nach frischem Backwerk und Kaffee. Beinahe so, als wäre alles wie früher.
      Beinahe.

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      Thomas sah sich zu einer Entschuldigung genötigt, denn natürlich ist ihm wieder eingefallen, warum die Frau geklopft hatte.
      „Entschuldigen Sie bitte, daß ich Sie mit dem kleinen Zettel und dem abschalten der Türklingel praktisch vor der Tür stehen ließ. Ich war jedoch einfach zu müde und konnte es nicht einsehen, warum es mitten in der Nacht sein muss, um ein Gespräch zu führen.“
      Katharina lächelte. „Machen Sie sich keine Sorgen, ich bin schon weit unhöflicher der Tür verwiesen worden. Doch reden wir nicht über mich, ich bin schließlich wegen Ihnen hier. Natürlich weiß ich von ihrem tragischen Verlust, was ich nicht weiß ist, wie Sie sich fühlen. Möchten Sie mir erzählen, wie es Ihnen geht?“
      Thomas, der dabei war ein Brötchen mit Butter zu bestreichen, hielt kurz inne, den Blick weiter auf sein Brötchen gerichtet und brummte: „Eigentlich nicht.“ Dann setzte er die unterbrochene Tätigkeit fort.
      Katharina Faust war ausgebildete Psychologin, daher war die Reaktion für sie nicht überraschend. Im Gegenteil, es hätte sie gewundert, wenn es anders gekommen wäre.
      „Das verstehe ich. Die Wunden sind noch zu frisch. Aber meinen Sie nicht, das es Ihnen helfen würde ein bisschen von dem Druck abzulassen? Ein bisschen von Ihrer Trauer zu teilen? Versuchen Sie es doch einfach mal. Was kann denn schon passieren?“

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      Eine Weile noch starrte Thomas auf sein Brötchen, unschlüssig, ob er reden sollte oder nicht. Gerade, als er ansetzen wollte, klingelte erneut das Telefon. Doch Thomas blieb sitzen.
      „Wollen Sie nicht rangehen?“
      „Muss ich denn?“, fragte Thomas, doch er kannte die Antwort bereits.
      Zögerlich stand er auf und begab sich in den Flur.
      „Schlesiger“
      Rauschen. Ging das etwa schon wieder los?
      Einen kurzen Moment noch wartete Thomas, ehe er auflegen wollte. Dann hörte er die Stimme. Undeutlich zwar, aber verständlich.
      „- hören Sie mich?“
      „Ja. Ja, ich verstehe Sie!“, rief Thomas, als ob es etwas bringen würde, lauter zu sprechen.
      „Schlesiger, hören Sie. Die Frau -“, der Empfang war fürchterlich. „Sie hat es nicht -“
      Ein verzerrtes Knacken und Knistern durchbohrte die Leitung und Thomas' Ohr.
      „Können Sie das bitte wiederholen? Piper? Sind Sie noch da?“
      „- Sie auch ohne sie - Ich - unterwegs -“
      „Piper?“
      „Haben Sie mich verstanden, Schlesiger?“
      „Nein! Nein habe ich nicht“, doch Thomas' Antwort schaffte es nicht mehr durch den Äther. Die Verbindung war zusammengebrochen.
      Auf die selbe Art, wie er wenige Minuten zuvor das Brötchen anstarrte, blickte er nun auf den Hörer. Was wollte Piper ihm sagen?
      Er drehte sich herum und spähte in die Küche. Dort saß Katharina mit den Augen auf ihrem Smartphone. Von den oberen Stufen der Treppe aus verfolgte der Kater das Schauspiel, das sich ihm bot, und draußen, an den Gipfeln der Berge, braute sich ein schwarzer Wolkenturm zusammen, in seinem Inneren ein Sturm aus Eis und Schnee.

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