Wie? Worte? Die Magie der Adjektive (1)

  • Tip

    Wie? Worte? Die Magie der Adjektive (1)


    Aufgabe:

    Nutzt bewusst Adjektive und beschreibt damit die folgende Szene: Ein junger Mann wacht eines Nachts beim Camping auf. Er steht auf, um nach dem Rechten zu sehen und das erste, was seine Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist der See im Tal vor ihm.
    Beschreibe diesen See in der Nacht, der irgend etwas mit seinem plötzlichen Aufwachen zu tun hat!

    Der See wirkte, als hätte Gott seinetwegen den Himmel verflüssigt und auf die Erde gespiegelt. Unschuldig und rein glänzte die Oberfläche wie schwarze Tinte im Schein des Vollmondes. Die Schrecken seiner Kindheit, grausam und allgegenwärtig, erstarben bei diesem Anblick zu einem kaum wahrnehmbaren Hintergrundrauschen. Ruhe, oh ja, Ruhe und Schlaf. Finden würde er sie nur hier.
    Andreas erwachte aus einem traumlosen Schlaf. Im Zelt roch es nach schalem Wein und Zigaretten. Er hätte die Kippen und die Flasche doch noch wegbringen sollen, bevor er schlafen gegangen war. Angewidert ob seines eigenen Verhaltens kroch er aus dem Zelt, das er am Abend zuvor so stümperhaft aufgebaut hatte und ließ seinen Blick über die Bäume Streifen. Sanft wog der Wind die Kronen der Riesen von einer Seite auf die andere. Und wäre er nüchtern er würde nicht glauben, was er da auf der Wasseroberfläche des Sees erblickte. Ein blaues Licht, zart und unscheinbar wie ein Stern am Nachthimmel tanzte und stürzte über den Spiegel, wie ein junger Fuchs einer Maus hinterher. Beinahe ungelenk blieb es alsbald stehen und Andreas war sich sicher, dass das Licht nun auch ihn wahrnahm. Und er bereute den billigen Wein getrunken und die vielen Zigaretten geraucht zu haben. Während er dies dachte, zerstob das Licht in feinsten Sternenstaub und der See lag wieder einsam da, wie ein Eremit auf dem Totenbett.
    @Sophie Brand:

    Schon der erste Blick zeigt: dein Text ist deutlich kürzer als der von unserem Parkbankheld. Und darin haben wir tatsächlich 6 Adjektive und einen Adverbialsatz. Das lässt jedes Auge genau hinschauen! ;)
    Der Adverbialsatz zuerst:
    Der See wirkte, "als hätte Gott seinetwegen den Himmel verflüssigt und auf die Erde gespiegelt" : Wundervolles Bild! Der verflüssigte Himmel allein ist schon spitze. Aber wir Autoren neigen dazu, den Eindruck so genau es nur geht und das mit so viel Worten als möglich auszudrücken. Braucht es hier tatsächlich nicht! Denn "auf die Erde gespiegelt" ist tatsächlich völlig redundant und es zerstört das schöne Bild durch eine angehängte Und-Reihung. Das liegt daran, weil ein Bild dann besonders ausdruckskräftig wirkt, wenn du es in wenigen Worten greifen kannst und es nicht zu ausführlich beschreibst. Hier genügt es auch inhaltlich zu sagen: Der See wirkte, als hätte Gott seinetwegen den Himmel verflüssigt. Als Leser ist das Bild hier schon vorhanden, denn wir wissen ja, dass der See auf der Erde liegt und nicht im Himmel. Gleichzeitig wird - für mich - das Bild sogar noch ausdrucksstärker, weil es mich spontan ein Bild hervorrufen lässt, worin der Himmel sich nicht nur im See, sondern der See sich auch im Himmel spiegelt. Was ist Wasseroberfläche, was ist Spiegelfläche?

    Bei "unschuldig und rein" würde ich erneut reingrätschen. Was ist der Unterschied, weshalb du hier zwei Adjektive benötigst? Das Stilmittel gibt es, es ist das Hendiadyoin (von allen für das tolle Fremdwort so geliebte Stilmittel). Das Hendiadyion bedeutet wörtlich übersetzt "eins durch zwei", zur Verstärkung wird ein Begriff durch zwei gleichwertige mit und verbundenen Wörter ausgedrückt. Das kennt man, wenn man jemandem "Hilfe und Beistand" zusichert. Oder sagt, man habe "Pest und Cholera" überstanden. Man meint etwas Übergeordnetes, Drittes. Aber das Hendiadyoin kann vielen aufstoßen, wenn es zu gedankenlos eingesetzt wird. "unschuldig und rein" betont die Reinheit, ja, aber weshalb? Hier würde ich tatsächlich völlig auf ein Adjektiv verzichten, denn es kommt ja im "Glänzen" schon etwas "Reines" zum Ausdruck:
    "Die Oberfläche glänzte wie schwarze Tinte ..." oder, wenn es dir wichtig ist: "Die unschuldige Oberfläche glänzte wie schwarze Tinte"
    Der ganze Rest: prima. Völlig problemlos und auch hier gerade durch die vielen Adjektive sehr intensiv und klasse nachvollziehbares Bild bzw. Emotion.

    :)
    Robert hört es wieder.
    Plätschern.
    Angestrengt schaut er auf den dunklen Weissensee, an dessen Ufer er auf dem Platz von Camping Müller sein Zelt aufschlug.
    Husten, ersticktes Hilferufen.
    Jemand in Not.
    Robert zögert keine Sekunde. Er streift die Kleidung ab und wirft sich ins Wasser. Dem Geräusch nach pflügt er durch das Wasser. Kälte durchdringt ihn. Robert ignoriert es.
    Innehalten, lauschen.
    Da, die Richtung stimmt. Seine Arme teilen die Oberfläche des trügerisch ruhigen Sees.
    Eine Hand.
    Robert greift zu. Wasser spritzt. Panische Reaktion.
    Robert überlegt nicht lange, zielt und schlägt zu.
    Erschlafft.
    Die Gegenwehr ist beendet. Robert positioniert sich unter dem Körper und hält den Kopf über Wasser. Dann strebt er mit der Last dem Ufer zu.
    Muskelschmerz.
    Keuchend erreicht Robert mit letzter Kraft das Ufer. Helfende Hände erwarten ihn und ziehen ihn mitsamt seiner Last aus dem Wasser. Taschenlampen blenden ihn. Dann fällt das Licht auf den Körper am Boden. Ein junge Frau. Sie atmet. Robert hat sich etwas erholt und kümmert sich um sie.
    Untersuchen, Abtasten, Abhorchen.
    Alles in Ordnung, die Lunge ist frei und keine Verletzungen zu erkennen. Sie schlägt die Augen auf, findet Roberts Blick und lächelt. „Danke.“, sagt sie nur. Doch in diesem Wort schwingt ungeheuer viel mit, was Robert eine Gänsehaut bekommen läßt. „Was ist geschehen?“ „Ich war mit Freunden…“, das Wort spuckt sie aus, als hätte sie etwas widerliches im Mund, „… unterwegs. Wir fuhren mit einem Boot hinaus. Mein Freund und meine beste Freundin. Oder besser Ex. Bei beiden.“ Decken werden ihnen gereicht. Robert wickelt ihr eine um und dann sich selbst eine. „Erzähl weiter.“ „Meine Freundin…“, auch dieses Wort ausgespien wie eine eklige Made, „… meinte, sie wäre jetzt mit meinem Freund zusammen und ich wäre überflüssig. Dann stieß sie mich lachend aus dem Boot.“ Robert wird bleich und nimmt sie tröstend in den Arm.




    Ich könnte jetzt noch weiter schreiben, aber das lasse ich.
    Zumindest erst mal :D .
    Ich habe auch keine Ahnung, ob ich das Klassenziel damit erreicht habe, doch das kam mir gerade in den Sinn.
    Keine Ahnung warum.
    @Parkbankheld: Du bist ein Meister der absurden Bilder. Das muss ich jetzt einfach mal sagen. Die Absurdität entsteht bei dir durch die Kombination aus profanster Realität: (schaler Wein und Zigaretten + stümperhaft aufgebautes Zelt), wobei auch in diesen Realitätsbildern bereits ein Funken Absurdität steckt (was ist das für ein Typ, der in einem stümperhaft aufgebauten Zelt Wein trinkt und Zigaretten raucht?!?), sodass du jederzeit, wenn du auf diese Art in eine Story einsteigst, dir der Neugier der Leser sicher sein kannst.nullWas die Absurdität aber dann tatsächlich ausmacht, sind deine Adverbialsätze, deine Vergleiche und die damit einhergehenden Bilder. Nehmen wir die zwei herausragenden Bilder mal her: der Fuchs, der einer Maus hinterherläuft (eine durchaus naheliegende Bilderwelt in einem Wald am See) und dann der Eremit auf dem Totenbett. Letzterer ist so unglaublich abwegig, dass er einem sofort auffällt. Wie kommt unser rauchender Weintrinker im Wald ausgerechnet auf die Assoziation mit dem Wort "Eremit" !? Aber das wäre jetzt tatsächlich ein Kritikpunkt, wäre da nicht noch etwas in deiner Sprache: der kleine Text ist durchwoben von atypischen Ausdrücken, die dem "Eremit" (nicht Einsiedler, nicht Bettler, nicht Gammler, nicht Aussätziger, nein: Eremit) entsprechen:
    "Angewidert, OB seines ...", "sanft WOG der Wind", "WÄRE er nüchtern, er WÜRDE nicht glauben", "erblickte", "zart und unscheinbar" (wieder ein Hendiadyoin, diesmal aber eines, dessen Wirkung es hier in die Liste führt: denn die Formulierung führt hier zu einer märchenhaften Sprache, einer Umwandlung des profanen Stils zu einem erhabeneren Sprechen), "alsbald".
    Wie in der Klammer erwähnt, sind diese Ausdrücke märchenhafterer Natur. Es ist die Sprache der Gebrüder Grimm oder der Romantiker (Schlegel, Tieck, Brentano, ...) Und daher stößt der Eremit nicht mehr auf.
    Jetzt kommt aber das Problemchen: Hast du es bewusst gemacht? Nein? Dann wirst du im Fortgang einer solchen Geschichte wahrscheinlich genau dieses Sprachpotential entweder vergeuden oder es versehentlich unterwegs fallenlassen. Beides kann dazu führen, dass du berechtigte Kritik einstecken müsstest: warum redest du so, wenn es zu nichts führt? Und dabei kann jetzt eine richtig gute Geschichte laufen: Der profane Realist und die Alles-ist-möglich-Märchenwelt mit dem düsteren Ton (Totenbett, Herrgott, wer benutzt im Alltag denn solche Worte?? ;) )
    @Monarch: Da machst du es mir schwer. Denn die Aufgabe war ja eigentlich, den See adjektivisch zu beschreiben. Kommt da so ne kleine Handlung aus deiner Feder daher ^^
    Und dann muss ich auch noch die Adjektive suchen! Suchen! Du arbeitest gern mit Adverbien. Über die werd ich in Teil 2 oder 3 noch einiges verlieren. Aber nehmen wir sie hier doch schon mal in unsere Betrachtung mit ein.
    "Angestrengt schaut er" Das Adverb zu Beginn des Satzes reißt einen sofort ins Bild hinein und wir brauchen tatsächlich kein weiteres Adjektiv und erst Recht keine umständlichen Bilder. "Angestrengt wie ein Adler schaut er" oder solche Spinnereien, dazu neigen junge Autoren sehr gerne. Und die werden tatsächlich gestrichen. Vor allem, wenn sie (wie mein Beispiel) Klischeebelastet sind.
    Das "erstickte Hilferufen" würde ich tatsächlich korrigieren. Weil "erstickt" ja bedeutet, dass man es nicht mehr hören kann. Ich glaube, was du meintest war ein gedämpftes oder vielleicht "von Wasser durchdrungenes" oder "ein um Atem ringendes Hilferufen". Erstickt klingt jedenfalls für meine Ohren zu final und endgültig. Im Sinne von: Erstickt = Tot.
    Erst dachte ich "dem Geräusch nach pflügte er durchs Wasser" - boah, das geht ja gar nicht. Aber dann las ich nochmal durch und bemerkte etwas: es ist ja Mitten in der Nacht in der Vorgabe. Und von daher dunkel. Und von daher sieht man nichts. Dein Erzähler ist auktorial. Er kann unseren Prota nicht sehen, ergo muss er vom Geräusch her interpretieren, was hier geschieht. In diesem Augenblick nickte ich und wusste: das muss da genau so stehen!
    Was mich dann aber aus dem auktorialen rausriss war, dass der nächste Satz personal geprägt war. Ehrlich: Das würde ich rauswerfen. Beide Sätze. Kälte durchdringt ihn. Er ignoriert es. Weg! Wenn du es drin haben willst, mach es auktorial: "Das Wasser war eiskalt." Dann bist du nicht bei ihm drin, verstehst du? Und dann wirkt der vorherige Satz sogar noch besser.
    Der dann kommende Stakkatostil ist irritierend, weil wir im Auktorialen hängen, also muss das Atemlose einen selbst als Aussenstehenden treffen. Und dann kommt das Stakkato-Adjektiv: Erschlafft. Das ist so zentral herausgehauen, durch deinen Stil, dass ich mich frage: Willst du wirklich ausgerechnet dieses Wort so zentral haben? Hier muss ein perfektes Adjektiv her! Ein wirklich herausragendes. Erschlafft? Nee. Das kannst du besser.
    Das letzte, was ich hier verlieren muss ist das non-plus-ultra Klischee: Helfende Hände. Hier kannst du mit einem Innovativen Adjektiv wirklich ein gewaltiges Bild hervorrufen!
    @odeon Die Sprache war bewusst gewählt in Anlehnung an Neil Gaiman und Murakami. Ich wollte die Einsamkeit eines abgewrackten Typen darstellen, der sich genötigt sieht, irgendwo am See Wein zu trinken und zu rauchen. Aber ich gebe dir recht, ich könnte sie wohl nicht in einem ganzen Buch durchziehen.
    V2 - Ersticktes Hilferufen habe ich drin gelassen. Weil es eben so klingt, wenn man mit letzter Kraft versucht um Hilfe zu rufen, wenn einem immer wieder das Wasser über Mund und Nase schwappt.

    Robert hört es wieder.
    Plätschern.
    Angestrengt schaut er auf den dunklen Weissensee, an dessen Ufer er auf dem Platz von Camping Müller sein Zelt aufschlug.
    Husten, ersticktes Hilferufen.
    Jemand in Not.
    Robert zögert keine Sekunde. Er streift die Kleidung ab und wirft sich ins Wasser. Dem Geräusch nach pflügt er durch das Wasser. Das kalte Gewässer läßt die Muskeln steif werden. Ignorieren, heißt die Devise.
    Innehalten, lauschen.
    Da, die Richtung stimmt. Seine Arme teilen die Oberfläche des trügerisch ruhigen Sees.
    Eine Hand.
    Robert greift zu. Wasser spritzt. Panische Reaktion.
    Robert überlegt nicht lange, zielt und schlägt zu.
    Schlaff.
    Die Gegenwehr ist beendet. Robert positioniert sich unter dem Körper und hält den Kopf über Wasser. Dann strebt er mit der Last dem Ufer zu.
    Muskelschmerz.
    Keuchend erreicht Robert mit letzter Kraft das Ufer. Kraftvoll zugreifende Hände erwarten ihn und ziehen ihn mitsamt seiner Last aus dem Wasser. Taschenlampen blenden ihn. Dann fällt das Licht auf den Körper am Boden. Ein junge Frau. Sie atmet. Robert hat sich etwas erholt und kümmert sich um sie.
    Untersuchen, Abtasten, Abhorchen.
    Alles in Ordnung, die Lunge ist frei und keine Verletzungen zu erkennen. Sie schlägt die Augen auf, findet Roberts Blick und lächelt. „Danke.“, sagt sie nur. Doch in diesem Wort schwingt ungeheuer viel mit, was Robert eine Gänsehaut bekommen läßt. „Was ist geschehen?“ „Ich war mit Freunden…“, das Wort spuckt sie aus, als hätte sie etwas widerliches im Mund, „… unterwegs. Wir fuhren mit einem Boot hinaus. Mein Freund und meine beste Freundin. Oder besser Ex. Bei beiden.“ Decken werden ihnen gereicht. Robert wickelt ihr eine um und dann sich selbst eine. „Erzähl weiter.“ „Meine Freundin…“, auch dieses Wort ausgespien wie eine eklige Made, „… meinte, sie wäre jetzt mit meinem Freund zusammen und ich wäre überflüssig. Dann stieß sie mich lachend aus dem Boot.“ Robert wird bleich und nimmt sie tröstend in den Arm.