Wie? Worte? Die Magie der Adjektive (1)

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      Wie? Worte? Die Magie der Adjektive (1)



      Wie? Worte?

      Das Adjektiv. Gehasst, verdammt, geliebt, überbordend verwendet, bis zum Verrecken verbraucht und gestrichen, gekürzt, gekürzt, gekürzt.
      Wer es zu viel verwendet, der gilt als Manierist. Als jemand, der zu viel verschnörkelt. Und man droht ihm mit dem berühmten Show don’t tell: „Jetzt sag doch nicht, wie es ist, zeig es, Herrgott!“

      Das ist ein guter Rat. Aber nicht un-bedingt. Sondern nur unter bestimmten Umständen. Wir wählen mal die plumpste Variante, in welcher SdT dem Adjektiv vorzuziehen ist:

      „Silvy betrat den Raum und sah den bösen Mann unterm Buntglasfenster stehen.“

      Der „böse Mann“: Ein Adjektiv genügt, um die Stimmung zu ruinieren. Ganz schnell zum Vergleich das SdT:

      „Silvy betrat den Raum und sah den Mann unterm Buntglasfenster stehen. Ein kalter Windstoß fuhr ihr entgegen. Sie roch ihn sofort. Er roch wie Blei oder Kupfer, jedenfalls metallisch. Von den zerfransten Enden seines Mantels tropfte es, so als wäre er gerade aus dem Regen gekommen. Er drehte sich um und starrte zu ihr hinüber.
      ‚Jetzt du auch noch.’, sagte er. Es klang, als würde er mit letzter Kraft über etwas völlig Abwegiges lachen. Und dann, wie ein Stoßgebet: ‚Wenn du nicht sofort verschwindest, bring ich dich auch noch um.’“

      Ja, das ist doch viel atmosphärischer, es ist direkter, bildgewaltiger und eindringlicher als das einfache Adjektiv „böse“ und es ist offener. Wie wir schon an anderer Stelle gehört haben, überlässt das SdT dem Leser die Beurteilung, ob die Figur nun einfach nur „böse“, „sinister“, „zerrissen“, „verzweifelt“ oder sonst was ist.

      Also könnte man dem Trugschluss unterliegen, Adjektive seien immer zu vermeiden. Und das ist fatal. Viele Autoren heutzutage verzichten geradezu fanatisch auf die Verwendung von Adjektiven und damit berauben sie der deutschen Sprache und ihrem erzählerischen Werk etwa 70.000 Wörter, die dem Bilderstrom so viel an Kraft verleihen könnten.
      Ich unterhielt mich einmal mit einer russischen Freundin, die mir sagte, das Russische sei dem Deutschen überlegen, weil es viele bildgewaltige Adjektive hätte. Und man müsse russische Literatur im Original lesen, um die Faszination dieser Erzählweisen wahrhaft genießen zu können. Wenn man heute Ferdinand von Schirach liest, so kommt mir zumindest sofort das unbändige Bedürfnis zu, ihm laut zuzubrüllen: Bitte! Nur ein einziges Adjektiv verwenden. Bitte!
      Wir lesen zum Beispiel in „Tabu“:

      „Der Internatsleiter empfing sie, er trug die braune Kutte der Benediktiner. Sebastian saß neben seinem Vater auf dem Sofa. Eine Madonna stand in einem Wandauslass hinter Glas. Sie hatte einen winzigen Mund und trübe Augen, das Kind auf ihrem Arm sah krank aus.“

      Zwei Adjektive liegen vor und das Bild ist völlig steril. „braune Kutte der Benediktiner“ und „krank“. Wir haben kein konkretes Bild vorliegen, keine Vorstellung, was das für ein Vater ist, was für ein Raum, welcher Internatsleiter. Wir können keine eigene Meinung bilden und ob das schön ist, das sei dahin gestellt. Nur zum Vergleich vielleicht einmal folgender Absatz:

      „Opa Slavko maß meinen Kopf mit Omas Wäschestrick aus, ich bekam einen Zauberhut, einen spitzen Zauberhut aus Kartonpapier, und Opa Slavko sagte: eigentlich bin ich noch zu jung für so einen Quatsch und du schon zu alt.
      Ich bekam einen Zauberhut mit gelben und blauen Sternen, sie zogen gelbe und blaue Schweife, dazu schnippelte ich eine kleine Mondsichel und zwei Dreiecksraketen aus, eine flog Gagarin, die andere Opa Slavko.“

      Und jetzt sage mir einer, diese Adjektive, mit denen Sasa Stanisic seinen Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ seien unnötig und wir hätten nicht alle ein schönes Bild im Kopf. Nur nebenbei: es ist sogar der Anfang seines Romans. Und der ist gut! Wie ist er? Verdammt gut! Es ist nämlich erzählerisch und nicht einfach nur berichtend. Wie ist es? Erzählerisch.

      Was aber macht den Unterschied aus?

      Wir müssen akzeptieren, dass Adjektive das Bild prägen, das wir beschreiben wollen. Also fangen wir doch einfach mal an, einen Gegenstand sinnvoll zu charakterisieren. Wir wählen einen X-beliebigen, sagen wir: einen Schrank. Wir brainstormen und notieren uns alle Adjektive, die uns zu ihm einfallen, wenn wir ihn uns vorstellen. Und dann schreiben wir zunächst ganz plump auf:

      Der alte Schrank war breit und groß. Seine braunen Türen hingen etwas windschief, aber gerade noch so, dass man ihn öffnen und schließen konnte. Die Intarsien waren vergoldet. An der oberen Kante waren zierliche Efeublätter eingraviert. Sah man genauer hin, dann erkannte man knapp unter den Schlüssellöchern je ein Wappen: ein Hirtenstab im linken Feld, ein seitlich geneigter Löwenkopf rechts. Der Schrank roch nach einer ausgestorbenen Vergangenheit. Es hingen noch Pelzmäntel darin, einer bauschiger und verstaubter als der nächste. Und auf dem Boden darin lagen nutzlos gewordene Mottenkugeln, von Staub überdeckt, von Spinnweben umschlossen.

      Die Adjektive hierin dienen dazu, das Bild des Schrankes zu festigen. So viel Raum, wie der Schrank in unserer Erzählung einnimmt, scheint er wichtig zu sein. Es wird auf so viele Details eingegangen, dass er Bedeutung haben muss. Wer in seiner Erzählung einen derartigen Schrank beschreibt, der wird ihm auch eine Funktion im Inhalt zukommen lassen müssen. Es bringt nichts, einen Raum zu betreten und die selbe Energie auf jedes einzelne Möbelstück anzuwenden! Jedes Adjektiv, das auf einen unnötigen Gegenstand gerichtet ist, muss überdacht werden. Aber auch in unserem Absatz waren wir zuweilen recht plump und können Adjektive streichen.
      Nehmen wir das erste Adjektiv: „alt“. Dass der Schrank alt ist, muss sich aus der Beschreibung ergeben, hier aus dem „Der Schrank roch nach einer ausgestorbenen Vergangenheit“. Und deshalb darf ich „alt“ zunächst streichen. Genauso, dass die Türen „braun“ sind, gehört doch die braune Farbe alten Schränken fast selbstverständlich zu. Anders wäre es, würden wir der braunen Farbe mehr tiefe verleihen wollen:
      „Seine braune Farbe hatte bereits schwarze Flecken bekommen.“
      Einige Adjektive könnte man durchaus weglassen, etwa die „zierlichen“ Efeublätter. Aber hier verrät das Adjektiv etwas über den Erzähler, der den alten, vergammelten Schrank doch als sehr kunstfertig und anziehend empfindet. Es steckt in solchen Adjektiven die Möglichkeit, einer Beschreibung einen bewertenden Turn zu geben, so dass Nostalgie vermittelt wird, ohne dass sie genannt wird.
      Ganz anders der Schrank daneben:

      Der Schrank war breit und groß. Seine Türen hingen windschief, der Deckel war offensichtlich brüchig geworden. Er stank so sehr, als würden sich darin nicht nur ein paar zerfressene Pelzmäntel befinden, sondern auch noch die dazugehörigen Trägerinnen. Die Efeublätter, die in die Türen eingelassen waren, wirkten heruntergekommen. Sie rankten sich über die Türen wie das Dornengestrüpp über in Vergessenheit geratene Grabsteine.

      Adjektive prägen die Atmosphäre. Aber Vorsicht, dass wir die Bilder nicht überreizen oder übertreiben. Und noch schlimmer: Vorsicht, dass wir nicht in Klischees rutschen.
      „Die muffigen Keller“, der „staubige Dachboden“, das „feuchte Grab“, ... Dann doch lieber die Alternative wählen und mit Vergleichen das Adjektiv in ein Bild verwandeln:

      Der Schrank roch muffig ... nein: er roch fast so ähnlich wie das Bett des alten Barnabas: staubig, verbraucht, kalt und voller eingefrorener Träume.

      Die Aufgabe: Wie? Worte? Die Magie der Adjektive (1)